Mandy Schirrmeister für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Geschichten zwischen Leben und Hoffnung
Lisa hetzte durch die Gänge des städtischen Krankenhauses. Ein langer Flur mit weißen Wänden und hellem Bodenbelag. Schilder an den Seiten wiesen ihr den Weg. Wenn sie ihn nicht schon kennen würde. Ihre Schritte waren die einzigen auf dieser Station. Sie ließ die Behandlungsräume hinter sich. Lief vorbei an den nummerierten Türen. Eine Mischung aus Stille und Schnarchgeräuchen erklang. Sie war auf dem Weg zum Medikamentenschrank. Das Licht der Nachtbeleuchtung war gedämpft. Es durchdrang das schrille Piepen der Alarmglocke. Ein erstes Anzeichen. Diese Nachtschicht würde ihre ganze Kraft benötigen. Ein Blick auf ihr Telefon zeigte Nummer 202. Die neunzigjährige Frida benötigte ihre Hilfe. Die alte Frau erzählte immer sehr eindrückliche Geschichten. Ereignisse aus ihrem Leben. Oft läutete sie nur nach der Krankenschwester, um einen kleinen Plausch mit ihr zu halten. Lisa gefielen diese Momente sehr. Ging es mal nicht um Schmerzen oder Leid. Die Zimmernummern der anderen Patienten rauschten in ihrem Augenwinkel vorbei. Endlich stand sie vor dem Zimmer von Frida. Sie kontrollierte ihre Kleidung. Die hellblaue Uniform saß perfekt. Sie rückte ihr Namensschild zurecht und klopfte an.
„Kommen sie doch herein.“ Erklang es beschwingt dahinter. Lisa folgte dieser Aufforderung gerne. Ob es heute wieder einer Geschichte zu lauschen gab? Mit einem Lächeln auf dem Gesicht stand sie vor der Patientin aus Zimmer 202. „Was gibt es Frida?“ Die meisten Patienten erlaubten es ihr sie mit du anzusprechen. Frida hatte dunkle Ringe unter den Augen und trommelte mit den Fingern auf ihrer Bettdecke. „Ich kann nicht schlafen. Immer wieder muss ich an damals denken. Was aus mir hätte werden können, wenn ich nicht auf meine Familie gehört hätte. Wenn ich meinem Traum nachgegangen wäre. Würde ich dann immer noch malen? Würden meine Bilder in Galerien stehen und von anderen Menschen bewundert werden? Als ich Lehrerin wurde, dachte ich, dass ich noch so viel Zeit hätte zum Malen. Jetzt sehen Sie mich an. Ich bin kurz davor dem Herrn da oben guten Tag zu sagen.“
Lisa nahm Fridas Hand. „Damals war es so, Frida. Da legte man mehr Wert auf finanzielle Sicherheit und einen Beruf, von dem man leben konnte. Trotzdem hatten sie doch ein schönes Leben, oder?“
„Ja sicher, ich habe die Arbeit mit den Kindern geliebt, aber das war nicht ich. Das war nur Frida, die sich nicht traute, ihren Weg zu gehen. Und jetzt ist es zu spät.“ Lisa sah die Tränen in Fridas Augen aufsteigen. Sie drückte ihre Hand fester. „Es ist nicht zu spät. Deine Lebensuhr tickt noch. Nutze es, um zu malen. Wenn du möchtest, bringe ich dir einen Block und ein paar Stifte.“
„Meine Tage sind gezählt. Ich liege hier mit einer neuen Hüfte und wer weiß, welches Teil von mir als nächstes ausgetauscht werden muss.“ Frida zeigte auf ihr linkes Bein. „Meine Mindeshaltbarkeit ist abgelaufen.“
Als Lisa ihren Mund öffnete, um darauf zu antworten, erklang der Alarm auf ihrem Telefon. Zeit zum nächsten Kranken zu gehen. Das Zimmer der jungen Nina wurde angezeigt. Schweren Herzens lies Lisa die Hand der alten Frau los. „Ich muss weiter, Frida. Ich bringe dir später etwas zum Malen vorbei. Viele andere Patienten würden sich sicher über ein paar Bilder von dir freuen.“
Frida nickte und drehte ihren Kopf auf die Seite. Damit war das Gespräch erst einmal beendet. Lisa spürte einen Stich in ihrem Herzen. Frida tat ihr leid. Doch viel mehr erinnerte sie der Schmerz an ihr eigenes Leben. Sie hatte den Beruf der Krankenschwester gewählt, um anderen Menschen zu helfen. In Wirklichkeit war sie aber damit beschäftigt, Feuer zu löschen. Ein ständiger Wettlauf mit der Zeit. Sie trat hinaus auf den Gang und machte sich auf den Weg zu der fünfzehnjährigen Nina. Den Kopf voll von Momenten, die hätten sein können. Wenn alles so laufen würde, wie sie es sich wünschte. Wie Frida es sich gewünscht hatte. Auf dem Weg zu Nina versuchte sie sich wieder auf den heutigen Tag zu konzentrieren. Kurz vor Ninas Tür hörte sie das stakkatoartige Schluchzen des Mädchens. Ihr Brustkorb zog sich zusammen. Sie klopfte und trat ein. Ohne auf eine Reaktion von Nina zu warten. Die Patientin lag zusammengekrümmt in ihrem Bett. Ihr Körper bebte. Ihre Atemzüge waren tief und laut. Begleitet von einem wimmernden Ton. „Was ist los, Nina?“ Lisa trat näher zu ihr heran. Nina bewegte sich langsam und drehte ihren Kopf zu Lisa. „Ich muss hier raus. Ich kann auf keinen Fall länger hierbleiben. Ich muss trainieren. Nächste Woche habe ich einen wichtigen Auftritt. Den darf ich auf keinen Fall verpassen.“ Mit weit aufgerissenen Augen schaute sie Lisa an. Diese sollte ihr Hoffnung machen. Mut zusprechen. Doch das wäre gelogen. Die Zeit läuft erbarmungslos weiter, während Ninas Körper den Stillstand brauchte.
„Ich verstehe dich gut Nina, aber du musste erst das MRT abwarten. Dann können wir neu entscheiden.“ Ein Gefühl von Unbehagen und Bedauern breitete sich in Lisa aus. „Ich kann aber nicht warten. Während ich hier liege, werden meine Konkurrenten besser. Das zerstört mein Leben.“ Hilflos stand Lisa da. Der Alarm an ihrem Telefon meldete sich. Schon wieder. Sie war gezwungen weiterzugehen. Die Zeit ist ein gefräßiges Tier. Ernährt sich von den Momenten der Menschen. Schuldgefühle stiegen in ihr hoch. Lisa entschied sich, dem Mädchen eine weitere Minute zu schenken und den Alarm kurz zu ignorieren. Sie legte Nina die Hand auf die Schulter. „Du bist noch jung. Du hast noch sehr viel Zeit und sehr viel Leben vor dir. Auch, wenn dir das jetzt gerade nicht hilft, vertrau darauf, dass sich für dich die Möglichkeiten ergeben, die für dich bestimmt sind.“ Der Alarm ließ nicht locker. Eine Minute war eben nur eine Minute. Ein Bruchteil im Leben eines Menschen. Lisa wusste, dass ihre Minute für Nina vorbei war. Sie drückte die Schulter des Mädchens, um ihr zu zeigen, dass sie nicht allein war. „Ich schaue später noch einmal nach dir.“ Lisa verließ das Zimmer Nummer 209. Doch sie spürte, dass diese eine letzte Minute ein Schritt in die richtige Richtung war. Die Zeit lief nicht langsamer, nur weil man sie überholte. Eine Geschichte endete und eine Neue fing an. Zimmer 219 war das Nächste und Lisa war schon gespannt darauf, was für eine Geschichte sich dahinter verbarg.
Mandy Schirrmeister, Jahrgang 1982, wohnt in der Schweiz. Sie hat sich ein Jahr lang von Lea Korte im Schreibhandwerk ausbilden lassen. Bisher hat sie zwei Kurzgeschichten veröffentlicht. Die erste in einer Anthologie vom Bubenreuther Literaturwettbewerb 2022. Eine weitere im Bookerfly Magazin Oktober 2023.
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