Du bist auf Reisen

Elvira Fischer für #kkl42 „Selbstachtung“




„Selbstachtung, sich selbst als wertvoll zu schätzen, sich fürsorglich um sich selbst kümmern…“



Du bist auf Reisen


September 2018

Du bist auf Reisen.

Wolltest Ende des Monats bei mir sein. Jetzt schickst du mir Bilder von alten Burgen und tosendem Meer.

Du bist auf der Insel. Dein Sehnsuchtsort, für dein neues Leben.

Ich spüre, etwas ist anders in dir. Du schickst mir Bilder, keine Worte.

Ich ahne, du findest keine für mich.

Ich frage dich, wann du kommst.

Habe freie Tage genommen. Male mir eine schöne gemeinsame Zeit miteinander aus.

Doch die Zeit vergeht.

Ich wage es nicht, dich direkt zu fragen, was mit deinem versprochenen Besuch bei mir ist.

Du schweigst und ich habe Angst, dass dein Schweigen das Letzte ist, was ich von dir lesen kann.

Anders als du, bin ich ein Mensch, der einen Plan braucht.

Es macht mich unsicher, dass du dich mit deiner Rückkehr nicht festlegen möchtest.

Auf der anderen Seite, weiß ich, dass du Druck nicht magst, diese Chance gerne nutzt, um dich wieder in dein Schneckenhaus zurück ziehen zu können.

Irgendwann schreibst du mir, dass du jemanden kennengelernt hast.

Ich frage…..bekomme Antwort. Du schickst mir sogar Bilder von ihr.

Ich spüre…ja was?

Ich bin enttäuscht, dass meine Zeit jetzt für jemanden anderen ist.

Du schreibst nicht, dass du nicht kommst und dann kommt der Tag.

Ich hole dich vom Bahnhof ab. Ich sehe dich aussteigen und es geht dir gut.

Deine Schritte sind federnd, frisch und stark.

Du bist schön, denke ich und ich spüre, das ich dich sehr mag.

Deine Anreise war schwierig. Du hattest unterwegs eine Autopanne und musstest dein Auto zurück lassen. Bist in den Zug gestiegen, um zu mir zu fahren.

Unser gemeinsamer Abend ist schön. Wir reden und lachen, essen gemeinsam.

Leichte Zeit, du und ich.

Am anderen Tag willst du nach Freiburg.

Im Zug hängst du laufend am Handy.

Ich frage nach Selina. Meine Neugierde ist größer, als meine Bedenken in etwas vorzudringen, was nichts mit uns zu tun hat.

Das Gefühl der Warnung in meinem Bauch nehme ich nicht ernst.

Selina schreibt dir laufend Nachrichten.

Du verschwindest auf die Toilette, um diese zu beantworten.

Ich sitze da und warte.

Deine Frische verschwindet.

Wir gehen ins Kino.

Du schläfst ein.

Ich halte alles nicht mehr aus und laufe auf die Straße, um zu weinen.

Nach Filmende hole ich dich in der Halle ab.

Ich gebe mir Mühe, dich nicht spüren zu lassen, dass ich mich wie einen nassen schmutzigen Lappen fühle, der achtlos in eine Ecke geworfen wird, wenn der Tisch wieder sauber ist.

Und ich schlüpfe wieder in das Gewand der Glücklichmacherin und versuche damit ganz nah bei dir zu sein. Unsere gemeinsame Zeit ist doch so begrenzt.

Berührungen hast du noch nie gerne gemocht.

Ich erinnere mich, dass wir einmal im Regen gemeinsam unter einen Schirm laufen wollten. Du hast es vorgezogen, deinen Arm fest an deinen Körper gepresst, nass zu werden.

Ein andermal wollte ich dich spontan umarmen, weil in mir so viel Freude war. Du bist entsetzt zurückgesprungen und hast nicht gespürt, wie mich das verunsichert hat.

Ich weiß, dass es Grenzen gibt und ich diese nicht überschreiten darf.

An dir fühle ich mich aber sicher.

Ich stelle Fragen. Wer ist sie? Was macht sie so besonders?

Ich bin fast sprachlos, als ich höre, dass ihr heiraten, Familie gründen und auswandern möchtet.

Was darf ich fragen, was darf ich wissen?

Was willst du mir sagen, was musst du mir sagen?

Sag mir, was ich jetzt fühlen soll?

Sag mir, wo ist mein Platz nun in deinem Leben ist?

Sag mir, was wichtig ist, in unsere Verbindung?

Ich fühle mich erschöpft und aufgewühlt!


April 2019


Im Frühjahr warst du wieder hier.

Ich hab dich gebeten, in dieser Zeit nichts von dir und Selina mir zu erzählen.

Ich habe solche Angst, dass unser Zauber vergeht.

Ich spüre den großen dunklen Schatten, der mich einfangen will.

Ich erlebe einen Verlust. Lotte verstirbt.

Zufälligerweise bist du da und ich halt mich nur an deinem Arm fest.

Ich weiß ja, dass du keine Berührungen magst. Und auch wage ich kaum mehr Nähe zu dir.

Wir gehen essen.

Ich erzähle und weine abwechselnd.

Du hörst zu.

Weißt du eigentlich, dass das eine der wunderbarsten Erfahrungen in meinem Leben war?

Wenn ich auf alle meine Verluste und Enttäuschungen zurück blicke, musste ich diese immer alleine er-tragen, weil jeder irgend etwas dazu zu sagen hatte.

Nur du nicht.

Am folgenden Tag bist du fiebrig und schwach.

Ich sehe, wie dich so Vieles belastet und du trotzdem versuchst, hier bei mir zu sein.

Das macht mich traurig, sehr traurig sogar und es schmerzt, dich so zu spüren.

Wie sehr wünsche ich uns, unser herrliche Leichtigkeit und unser gemeinsames unbeschwertes Lachen.

Es waren nur Augenblicke, die uns tief berührt und verbunden haben. Aber diese waren unendlich bedeutsam wertvoll.

Mal wieder verabschieden wir uns für immer.

Es ist diesmal sehr schwer für mich!

Vielleicht sehen wir uns in ein paar Wochen bei dir. Du weißt nicht, wann du zurückkehrst auf die Insel und wirst solange zuhause sein.

Ich habe eine Reise in deine Stadt geplant, in der ich atmen kann und einfach frei sein. Ich genieße dort den wunderbaren Zauber von Wasser, Stadt und Menschen. Alles lässt mich dort meine Lebendigkeit fühlen.


Juni 2019


Als ich ankomme, bist du immer noch da.

Aber du tust dir mit einem unbeschwerten Umgang sehr schwer.

Ich will flüchten, einfach weg. Du tust mir nicht gut.

Ich schaffe es nicht, dich in deinem Zwiespalt alleine zu lassen, obwohl du das möchtest. Oder auch nicht? Was will ich?

Unausgesprochenes flattert davon.

Ein paar mal fragst du mich, ob ich dich etwas fragen möchte. 1000 Fragen hätte ich an dich, doch ich wage sie nicht zu stellen, aus Angst den dünnen Faden, der sich zwischen uns spannt, zum reißen zu bringen.

Später schreibst du mir, dass du unser Verbindung nicht mehr auf der Ebene eines Pärchens haben willst. Ich lache.

Wie bezeichnet man die Verbindung zweier Menschen, welche beide lieben wollen, aber am meisten Angst vor sich selbst haben?

Deren Leben und Ziele so unterschiedlicher nicht sein könnten?

Das Leben ist immer in Bewegung und ich kann nichts festhalten.

Würde ich es tun, würde ich untergehen.

Du schreibst, dass du nicht mehr in meinem Schloss wohnen möchtest.

Das du mit Selina ein eigenes Schloss bauen willst.

Ich bin erstaunt, denn hatte ich dich je dort hin eingeladen?

Manchmal hast du mich dort besucht, wenn dir dein Leben zu anstrengend geworden ist.

Du wolltest nicht mein Prinz und auch nicht mein Ritter sein.

Für mich hast du niemals gegen einen Drachen gekämpft.

Du möchtest, dass Selina ein Teil von unseren Gesprächen sein soll. Sie gehört zu dir.

Ich schaffe es nicht, meine Welt um euch kreisen zu lassen. Eure Anziehung ist so groß, dass ich kaum noch Schlaf finden kann und falle.

Ich spüre, dass ihr gemeinsam Großes erschaffen könnt. Ich finde meinen Platz bei euch nicht. Meine Welt ist viel kleiner, als die eure.

Ich fühle mich allein gelassen.

Mit dir habe ich gelernt, Probleme anzupacken und zu lösen.

Ich wünsche mir sehr, dass du mir jetzt hier hilfst.

Damit ich irgendwo und irgendwie wieder einen Platz finde, an dem ich wachsen kann, wo ich lachen und träumen darf. Ich will nicht wieder verletzlich sein.

Doch deine Strategie ist, sich selbst auszuhalten, abzuwarten und zu schweigen.

Sie funktioniert, ich zerbreche.

Manchmal durften ich dich ein wenig lieben.

Ich glaube, manchmal hast du mich auch ein wenig geliebt.

Die Leute reden von loslassen.

Aber was soll ich loslassen?

Wir beide wissen, wie herrlich das Leben sein kann. Loslassen bedeutet nicht, sich voneinander zu trennen, sondern immer wieder aufeinander zuzugehen.




Elvira Fischer, Jahrgang 1963, weiblicher Erdbewohner aus Bayern.
Seit Jahren fühlen sich Worte bei mir wohl. Sie finden in Tagebucheinträgen, Gedichten und Kurzgeschichten ein zuhause.
Freunde und Familie belagere ich gerne mit Philosophie.

Bisher habe ich es für nicht notwendig gehalten, Werke von mir zu veröffentlichen. Steht aber auf meiner Bucket List und der Zeitrahmen dafür wird knapp.
Ausgezeichnet wurde ich für meine Empathie, meine Intuitionen und meinen zu ehrlichen Worten von meiner Familie, Freunden, Beruf und in meinen Ehrenämtern.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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