Hannelore Furch für #kkl48 „Vernunft“
Mensch und Rabe

Ein Frühlingstag wie einbestellt!
Ein Mensch spaziert in Wonne
bei off’ner Jacke froh im Feld,
reckt Hals und Brust zur Sonne.
Er kommt am Birkenbaum vorbei,
dort kichert frech ein Rabe
und lästert laut: „Ein Mensch, oh je,
wie eitel sein Gehabe,
an Hals und Brust die Daunen fort,
ich sag’s ja immer wieder:
So blechern wie des Menschen Wort,
so falsch ist sein Gefieder.“
Es kontert gleich der Mensch dem Rab‘:
„Und du vor allen Dingen,
du krächzt, als steckst du halb im Grab
und glaubst doch, schön zu singen.“
Drauf stellt der Rab‘ den Austausch ein
und lässt sich nicht mehr sehen,
der Mensch ruft süß: „Heh Huckebein,
ich hör doch gern dein Krähen
und werde mich ab dieser Zeit
mit echten Federn schmücken“,
und sieht den Raben plauschbereit
im Baum nach vorne rücken.
Ein Fliederbusch in Potsdam
Lang war die Zeit,
angefüllt mit Argwohn,
ob der Duft des Flieders
vielleicht als Lockstoff,
ob seine Zweige und Blüten
vielleicht als Tarnung
einer Stasi-Falle dienten.
In aller Pracht
duftete und blühte er damals
und duftet und blüht er noch heute,
der Fliederbusch
in einem Garten in Potsdam,
stolz, über alle Zweifel an ihm
erhaben gewesen zu sein,
gestärkt durch seinen Glauben
an sich selbst.
Der ewige Kreislauf
„Alles tot“, sagte nach dem Atomkrieg
ein Regenwurm zu seinem Freund,
„jetzt werden wir von keinem mehr gefressen.“
Er glaubte es allerdings selbst nicht recht
und lugte nach einem Regenguss
vorsichtig aus der Erde in die Luft hinauf,
in der ein einsamer Vogel kreiste.
Der andere Regenwurm
aber glaubte den Worten seines Freundes
und begann sich in einer Pfütze zu suhlen
– für einen kurzen Moment.

Henkersbeile
Seine trockene Kehle hämmert
ein letztes Heimatlied
in den kochenden Teer,
er muss weiter, solange der Tag
ihm die Henker zeigt.
Nachts verfremden
der Mond und die Sterne
die Henkersbeile zu Irrlichtern,
die ihm heimleuchten wollen.
Dr. phil. Hannelore Furch
Geb. 1946 in Gifhorn, verh., zwei Kinder. Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Geschichte mit Abschluss „Magister Artium“ an der Universität zu Köln. Dort auch Promotion mit einer erzähltechnischen Arbeit zu Werken Günter Grass‘ u.a. Autoren. 1. Vorsitzende des Literaturvereins „Die Gruppe 48 e.V“ von 2016-2024. Veröffentlichung von 15 Büchern, 6 davon als Herausgeberin.
https://www.hannelore-furch.de/
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