Die wartende Prinzessin

Cornelia Koepsell für #kkl6 „Zeitenwende“


Die wartende Prinzessin

Es war einmal – in einer Zeit vor unserer Zeit  – da lebte eine Prinzessin mitten in einer Schlucht. Sie trug ein weißes, mit Spitzen besetztes Kleid und lange, blonde Haare, sowie eine Krone auf dem Haupt, so dass sie für jeden Vorübergehenden als Prinzessin erkennbar war. Sie wartete auf den ihr versprochenen Prinzen, denn ihr Vater und alle, die es wissen mussten, sagten, genau hier – in diesem Tal –  würde er vorbeikommen, um sie zu holen.

Im Felsen gab es eine Höhle, wo sie ihre Nächte verbrachte, wenn die Sonne untergegangen war und der lang erwartete, der heiß ersehnte Prinz wieder einmal nicht erschienen war. Die Hände hatte sie in den Schoß gelegt, den Kopf nach vorne geneigt, züchtig und sittsam saß sie da und wartete. Und wartete. Der Weg vor ihr war breit. Der Prinz hätte  durchaus Platz, um mit seinem Gefolge an ihr vorbei zu ziehen, sie endlich hochzuheben auf sein Pferd und ihr den Tabakatem in den Nacken zu blasen, über die Berge zu reiten, sie heimzuführen.

Er kam nicht, obwohl sie schon so viele Tage, Wochen und Monate wartete, nachts durch das Loch im Fels in den klaren Sternenhimmel schaute, bemüht,  keine Sternschnuppe zu verpassen, um sich zu wünschen, dass er am nächsten Tag erschiene, sie abhole, sie erlöse aus der Langeweile, sie mitnehme in sein Schloss, damit sie endlich zur Königin würde, zur Herrscherin an seiner Seite. Auch Kinder wollte sie ihm schenken.  Langsam wurde es wirklich Zeit.

Sie befürchtete, dass ihr Schoß vertrocknete vom langen Sitzen und Warten und Sitzen und Warten. Die Prinzessin war sauer. Sie wusste nicht, was tun. Sie hatte nichts gelernt außer zu warten und vor sich hin zu starren.

Als sie ein Kind war, hatte man ihr Geschichten vorgelesen, in denen eine jede Prinzessin irgendwann erlöst wurde, wenn sie nur brav war und geduldig, wenn sie das tat, wozu sie bestimmt war – zu warten.

Während der Prinz irgendwo sonst auf der Welt, weit weg von ihr Schlachten ausfocht, Ungeheuer besiegte, Drachen bekämpfte, bis die Zeit gekommen war, er mannbar genug war, um sie zu holen.

„Vielleicht ist er längst tot“, dachte die Prinzessin und ich warte so lange an diesem Felsen, einem Tal, das keiner kennt, bis ich selbst zu Stein geworden bin.  Wenn endlich jemand kommt, sieht er nur eine versteinerte Prinzessin, welche die graue Farbe des Felsens angenommen hat.

In dieser Nacht erhielt sie Besuch vom Wüstenfuchs. Die beiden führten ein langes Gespräch.

„Vielleicht gibt es woanders ein besseres Leben. Ich muss etwas tun“, sagte sie am nächsten Morgen, nachdem der wippende und nickende Schweif des Fuchses hinter der Eckes des Felsens verschwunden war.

„Prinzessinnen tun nichts“, donnerte es da von oben herab, so dass sie zusammen zuckte und am  ganzen Körper zitterte.

„Prinzessinnen warten.“

„Aber mir schlafen die Beine ein“, jammerte sie. „Die brauche ich doch, wenn mein Prinz endlich kommt. Damit ich ihm Kinder gebären kann.“

„Dann vertrete dir ein wenig die Füße“, sagte die Stimme, etwas sanfter.

Also stand die Prinzessin auf, um sich die Füße zu vertreten. Sie lief und lief – so lange, bis sie wusste, dass sie niemals wieder zurück finden würde zu dem Felsen, an dem sie so lange gewartet hatte.

Auf ihrem Weg über  Berge und Täler, traf sie Hirten, Schäfer und Bauern. Da ihr weißes Kleid durch den Staub des Weges längst grau geworden war und sie beim Durchqueren eines Flusses die Krone verloren hatte, erkannten sie die Prinzessin nicht in ihr.

Die Schäfer, Hirten und Bauern waren freundlich, gaben ihr zu essen, zu trinken und manchmal – wenn ihr einer gefiel – verbrachte sie eine oder mehrere Nächte mit ihm.

Schließlich wollte sie nicht vertrocknen, in Form bleiben, wenn der Prinz vielleicht doch auftauchen sollte.

Einmal traf sie einen, der saß an einem Felsen und hatte die Hände in den Schoß gelegt, den Kopf gesenkt und wartete, so wie sie es lange Jahre getan hatte. Er sah so ähnlich aus, wie sie sich ihren Prinzen vorstellte.

Mit leisen Schritten schlich sich die Prinzessin an ihn heran und flüsterte in sein Ohr:

„Vielleicht solltest du dir die Füße vertreten!“

Da stand er auf, leicht schwankend, weil sie längst eingeschlafen waren. Sie nahm seine Hand, damit er nicht fiel. Gemeinsam gingen sie davon.

Irgendwann, als sie genug vom Laufen hatten, fanden sie ein Tal, das ihnen gefiel. Sie bauten  ein Holzhaus mit vielen Türmchen und Erkern, so dass es Ähnlichkeit mit einem Schloss hatte. Dort lebten sie gemeinsam und glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Manchmal jedoch zog die Prinzessin für einige Wochen davon, um sich die Füße zu vertreten.




Cornelia Koepsell, 1955 in Schar­ne­beck geboren, lebte lange in Augsburg. Studium von Germanistik, Be­triebs­wirtschaft und Geschichte, arbeitet heute im Finanzbereich.
Diverse Veröffentlichungen in Antho­logien. Mehrmalige Ge­winnerin des Poetry Slams ‚Lauschangriff‘ in Augs­burg, Ge­winnerin des 3. Preises des Schwäbischen Literaturpreises 2011.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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