Womit alles steht und fällt

Martin A. Völker für #kkl16 „der freie Wille“




Womit alles steht und fällt

Du genießt es, zu tun und zu lassen, was immer dir beliebt. Du nimmst dir die Freiheit, stets du selbst zu sein. Deine Freiheit verlangt das Unverstellte, das Unangepasste. Unterordnung gehört nicht dazu. Du sagst anderen die Wahrheit, solchen, die sie nicht erkennen oder hören wollen. Laut ertönt deine Freiheit. Leisetreterei gehört zur Unfreiheit der anderen. Wer diese anderen sind? Du willst es überhaupt nicht wissen, du wirst es nie erfahren, weil sie für dich unerreichbar sind. Weil deine Freiheit eine Freiheit ist, die nichts anerkennt, was außerhalb ihrer Sphäre liegt. Du bist einzigartig. Einzig in deiner Art. Einzig und allein an der Spitze. An der Spitze von was eigentlich? Deine Freiheit macht dich einzigartig: eigenartig und allein. Sisyphos hatte wenigstens seinen Stein, du hast ausschließlich dich selbst. Du allein bist dieser Stein, der dich in deine innere Tiefe zieht. Bodenlos ist diese Tiefe, wie zuvor deine Freiheit grenzenlos war. Dabei stehst du mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Egal, wie dieser Boden beschaffen ist, ob er aus Asphalt, Sand oder Gras besteht, er macht, dass du fühlst, wie sich ohne dein Zutun, durch bloßes Stehen, Druck in deinem Bein aufbaut, sich die Muskeln in Wade und Schenkel anspannen. Das ist jene Unfreiheit, die du verachtest. Er verströmt einen Geruch, dieser Boden der Tatsachen, duftet nach Teer, nach frischer Erde oder gemähtem Rasen. Tief atmest du ein, nimmst all diese Gerüche in dich auf. Sie erfüllen dich mit Fremdheit, mit der Fremde, die dich umgibt. Auch dies ist jene Unfreiheit, die du verachtest. Erinnere dich an deine Mutter, die dich ins Leben brachte. Deine Freiheit ist ein Geschenk, etwas, das dir überantwortet wurde. Deshalb kann deine Antwort unmöglich selbstische Freiheit, sondern muss Verantwortung sein, der verantwortungsvolle Umgang mit dem Geschenk, welches du deine Freiheit nennst. Dies ist abermals jene Unfreiheit, die du verachtest. Die Nabelschnur, die dich mit der Mutter verband, wurde jedoch nicht durchtrennt, um dich fortzuschicken, zu verbannen, sondern um dich im Angesicht und zur Freude der Geberin wachsen und stark werden zu lassen, damit du aus freien Stücken und sehend, mit überwundener Verachtung und vollgesogen mit Glück zurückkehren kannst. Denn du bist der Kelch, der vom Leben befüllte, dessen Inhalt du in die Kelche der Bedürftigen gießt, weil auch du die Bedürftigkeit kennst, wie deine Mutter sie kannte, die deine wie die ihre. Der Unfreiheit bist du nie entkommen. Welch ein Segen.






Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

Interview mit Martin A. Völker HIER





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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