Trage, was dich trägt

Martin A. Völker für #kkl20 „bedingungslos“




Trage, was dich trägt

Ohne Ding kein Dong. Vielleicht wirst du über diese alte Weisheit aus der Kleinwelt der Haustürglockenherstellung lachen, aber Lachen ist gut, weil wir über Ernsthaftes miteinander sprechen müssen. Mich erinnert das um ein Dong ergänzte Ding an die Verbindung von Yin und Yang. Gegensätzliche Prinzipien und Eigenschaften sind und bleiben ineinander verschränkt, so funktioniert unsere Großwelt. Allerdings ist diese Welt viel konkreter, als eine philosophische Formel es ausdrücken könnte. Lebensnäher und bodenständiger spricht uns die Haustürglocke an. Sie gibt uns zu verstehen, dass es keinen Klang ohne Gegenstand, der zum Erklingen gebracht wird, gibt. Eines bleibt bei vielen Diskussionen über unser Leben zu sehr im Hintergrund: Das Leben ist keine bloße Idee, keine Ansammlung von Meinungen oder geistigen Belangen, sondern es gehorcht den Stoffen, die sich nach Naturgesetzen bewegen und verändern. Deinen Idealismus kannst du dir demnach nur deshalb leisten, weil er in deinem Kopf wohnt, dein Körper ihn trägt. Du kannst ihn den Dingen aufprägen, wenn du die glückliche Gelegenheit dazu bekommst. Aber ohne Ding gibt es eben kein Dong. Umgeben von zahllosen Dingen ist der Mensch, und seine eigene Dinghaftigkeit kannst du unmöglich bezweifeln. Der Mensch ist „be-dingt“, wie auch die Welt „be-dingt“ ist. Du wirst in eine Welt der Bedingungen hineingeboren. Kein Mensch ist bedingungslos. Lebensbedingungen sind jene Ressourcen, die deine volle Aufmerksamkeit und Verantwortung verlangen, weil ohne sie dein Überleben ungesichert ist. Ich verstehe, wenn dich ebendies mit Sorge erfüllt. Das Halten der Aufmerksamkeit ist eine anstrengende und auszehrende Tätigkeit, und Verantwortung verlangt das ständige Überblicken aller Schritte und beschrittenen Wege, weil du kein Punkt im weiten Nichts bist, sondern ein bedingter Knoten eines dinghaften Netzwerks, in dem alles Folgen und Konsequenzen hat. Die Bedingungslosigkeit wird dabei zur großen Hoffnung von kleinen Menschen in einer zu rasch übergroß gewordenen Welt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen gehört dazu oder der Wunsch, bedingungslos geliebt zu werden. Schlechte Erfahrungen lassen dich solches ersehnen, und doch bleibt der Mensch ein Etwas, das in Bedingungen vorkommt. Die Bedingtheit des Lebens ist indessen keineswegs das Erzübel, welches uns nach Bedingungslosigkeit rufen lässt. Das Schlimme besteht eigentlich darin, dass du inmitten der Bedingtheit des Lebens unbemerkt zu einem leblosen Ding wirst, über das andere verfügen. Aber die „Be-dingtheit“ selbst ist gut und nötig, sie ist die Ummantelung der Idee, sie meint den vom Weltgeist behauchten Stoff, den Aufstieg des Staubs aus dem Staub. Verzweifle also nicht an der unabänderlichen Bedingtheit von allem, sondern bilde eine Achtsamkeit aus, die deine Stofflichkeit erhält und feiert, ohne sie zu vergötzen, die aber ebenso den möglichen Feuerfunken im Stein erkennt und springen lässt. Nicht die Bedingtheit macht dich zum leidenden Ding, sondern deine fehlende Selbstverantwortung, deine Unfähigkeit zum Neinsagen. Achte gleichzeitig darauf, dich von Menschen fernzuhalten, die dich aufgrund fehlender Selbstverantwortung und Neinsagekompetenz schätzen, weil sie dich so besser gebrauchen, missbrauchen und ausbeuten können. Sei eine starke Bedingung des Lebens für dich und andere. Sei eine Bedingung des Glaubens und Hoffens, und schenke die Bedingungslosigkeit denen, die gar nicht anders können, die sich noch auf die Bedingtheit vorbereiten und sich stärken müssen.







Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

Interview mit Martin A. Völker HIER .






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

2 Kommentare zu „Trage, was dich trägt

  1. Lieber Martin, darf ich so sagen? Ich lese deinen Beitrag im Urlaub..und kann die Trönen gerade nich zurück halten..ein irre guter Beitrag den ich mir ins Herz tätowiere..danke hierfür vielmals.
    Aus Ferragudo grüßt Ann Kristin Bartke, (Autorenforum Koeln..falls du mal vor aort bist, melde dich doch mal..😉🙌🏻)

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