Drei Stufen der Introspektion

Veilleville für #kkl22 „Bewusstheit“




Drei Stufen der Introspektion

(aus meinem Werk „Das Ende vor dem Beginn“)

Wieder ein Versuch. Nicht die Gedanken anderer besänftigen mich, nur die eigenen. Das Schweigen der Wände, die Ruhe um mich herum, nichts zu erhören, kein Lebenszeichen zu erkennen – nur ich selbst. Der Körper verharrt, bewegt sich nicht, hält still, nur die Hand zittert sacht über den Zettel, den Stift umschlossen, Linien überziehen das Blatt. Es existiert nichts außer dem Zettel, dem Stift, der Hand, dem Kissen und dem vorderen Teil des Betts. Den schummrigen Schein des Kerzenlichts mit den im Takt des Schreibens über das Blatt huschenden Schatten nehme ich auch wahr. Was noch? Es sind Stimmen und es sind Bilder, das Fühlen des regelmäßigen Hebens und Senkens meines Bauches sowie der weichen Matratze unter meinem Körper gesellen sich zu dem wenigen, das existiert, hinzu. Nichts sonst. Nichts verändert sich, nur die Stimmen und die Bilder rauschen in raschem Wechsel durch… ja, durch was eigentlich? Meinen Kopf, das fällt mir zunächst ein. Es waren wieder Bilder und Stimmen. Eine Stimme sprach „meinen Kopf“ und ein Kopf erschien, mein Kopf, nur der Kopf, von hinten gezeigt, mit goldenem Haar und nichts weiter. Einiges erschien danach, sprach, unter anderem diese Worte, die ich nun schreibe, die ich sehe, die auf dem Blatt nacheinander erscheinen. Sind sie in meinem Kopf? Ich nicke, ich habe ihn gespürt, er ist also noch da. Ich kann den Ort nicht deuten, doch scheint er in meinem Kopf, hinter meinen Augen zu sein. Woher kommt dieser Gedanke? Der nächste ist da, dann wieder der nächste und wieder der nächste. Aber woher kommen sie, diese Bilder, diese Stimmen? Den Beginn kann ich nicht ergründen, den Ursprung, sie sind einfach da. Aber sind sie nicht da, weil ich will, dass sie da sind? Wenn ich wollen kann, dass sie da sind, dann kann ich auch wollen, dass sie nicht da sind. Es muss, vorausgesetzt ich bin für diese Gedanken verantwortlich, etwas davor geben, das Ich selbst, das die Gedanken entstehen lässt. Denn ich, als Denker, muss bestimmen können, welche Gedanken entstehen und welche Gedanken nicht entstehen, ich muss deren Ursprung sein. Um mir recht zu geben, dass ich der Denker bin, verantwortlich für die Gedanken, die in meinem Kopf, wie ich als Schöpfer der Stimmen und Bilder zuvor festgestellt habe, erscheinen, will ich mich zu mir zurückbesinnen und alle Gedanken ruhen lassen. – Die Stimmen und Bilder sind weiterhin vorhanden, sie sind nicht erloschen, die Gedanken sind immer noch da. Ich als Denker, als derjenige, der Gedanken erzeugt, muss doch in der Lage sein, sie zu regieren, sie – mich in einer solchen auf mich besonnenen Situation befindend – verstummen zu lassen. Woher kommt nun dieser Gedanke, dass ich in der Lage sei, sie verstummen zu lassen? Und diese Frage wiederum, woher kam sie? Schon wieder eine Frage, also eine Stimme, die unentwegt flüstert, Bilder, die unentwegt erscheinen, vermischt mit dem regungslosen Starren auf den mit grauen Linien beschmierten Zettel. Das Fühlen des sich hebenden und senkenden Bauches und der weichen Matratze unter meinem Körper ist auch wieder da, sowie der Stift, die Hand, das Kissen, der vordere Teil des Betts und der schummrige Schein des Kerzenlichts mit den im Takt des Schreibens über das Blatt huschenden Schatten. In den vorigen Augenblicken der Ergründung meiner selbst war das alles nicht da; oder habe ich es nur nicht bemerkt? Ich habe es nicht bemerkt – also war es nicht da.

Ich bin verwirrt. Ich sollte schon längst da sein, schon längst angekommen, angekommen an diesem Ort, dem eigenartigen Ort, den ich nicht verstehe, wohl niemals verstehen werde – es sei denn, ich trete aus mir heraus. Wie soll das geschehen, wie soll ich es anstellen, durch welche Tür soll ich schreiten? Ich bin verwirrt. Ich blicke nicht zurück, doch sollte ich es vielleicht, um zu sehen, wie weit ich mich schon entfernt habe, wie weit alles von mir entrückt ist, verrückt an eine andere Stelle; ich bin verrückt. Warum tue ich mir das an? Was denn? Ich kann es nicht lassen, ich muss es erfragen, ich muss darauf hinweisen, dir zeigen, dass alles aussichtslos ist, dass alles Tun keinen Sinn hat, nur bloß so ist, dass du selbst aussichtslos bist. Wer meint das denn? Du selbst! Ich selbst existiere aber überhaupt nicht; wie kann ich meinen, dass ich bin, ich nicht bin, ich überhaupt nichts meinen kann, wenn ich nicht existiere? Also: das alles ist grober Unfug! Es hilft nichts, ich verirre mich, ich bin schon jetzt hoffnungslos verirrt, ich bin verwirrt. Wo stehe ich, wo sitze, wo liege, wo bin ich überhaupt? Kannst du endlich aufhören, Fragen zu stellen? Das fördert die Dunkelheit. Dunkelheit hin oder her, heller wird es sowieso nicht. Nun gut, heller wird es nicht, aber wird es dunkler? Es ist finster, es ist düster, es ist schwarz. Woher weiß ich, dass es dunkel ist, woher weiß ich überhaupt, was dunkel ist, dass es existiert? Ich weiß es nicht, ich vermute es. Du denkst darüber nach, also ist es. Woher weiß ich, dass ich denke, wie kann ich mir so sicher sein? Ich tue es doch in diesem Augenblick, ich denke, sonst könnte ich mir die Frage nicht stellen. Wo beginnt es, bei den Gedanken selbst, was war davor? Ich bin verwirrt. Armes Dasein, sehr arm, wieso nur solches Leid? Leid, eine Einbildung, nein: gar nichts. Denn es gibt nichts; oder doch? Was soll das? Was soll das alles? Wieso so viele Fragen, wieso überhaupt, was überhaupt, wo, wie, ich verstehe nicht, alles ist undurchsichtig, verschwommen, ich tauche, bin unter Wasser, weit weg, eine andere Welt? Es ist verloren, es ist alles so eigenartig, so merkwürdig, hilflos; das ist ein Begriff, denn die Insel, ja die Insel, die rettende Insel in großer Not, in der chronischen Not, in der allgegenwärtigen, in der dauerhaften, in der alles und jeden – vor allem mich selbst, nur mich, ich bin nur ich selbst und allein, falls ich existiere – verschlingenden Not, diese Insel fehlt gar oft – immer? Sei es so, ich brauche sie nicht, ich bin stark, mutig und tapfer, ein wacher Geist und groß und kräftig, eine Festung im Kriegszustand, gegen jeden und alles. Große Reden, große Reden ohne Inhalt und ohne Sinn. Wo bin ich nun angelangt? Ich versuche mich abzulenken, siehst du das denn nicht? Natürlich, Ablenkung, ein Wort der Macht und in der Tat kann es viel, es lenkt ab und die Ablenkung dient dem Vergessen, es beugt chronische Krankheiten vor, die Krankheit der besonderen Art. Sie kehrt wieder, immer wieder, weicht nie, ist ein Unheil, verbreitet Schmerz und Kummer – es ist das wunderliche Irgendwas.

Ich schwebe, ich gleite, ich löse mich auf, ich tauche ein in den vollkommenen, ewigen, den wundervollen Sinnesrausch aus Formen und Gestalten, die sich von selbst entfalten, alles ist so leicht, so geschmeidig glatt, eine ebene Erscheinung, so einzigartig und phantastisch. Die grenzenlose Phantasie, die träumerische Gewandtheit mit ihrer reinen Melodie, dieser strahlenden Eleganz, betörend, berauschend, belausche ich den Gesang meiner Gedanken, die sich ranken durch meinen Geist in durchdringender, alles verschlingender, in sich aufsaugender, völlig beseelender Art und Weise, ohne laut, doch leise, ruhig und sehr bedacht, wie er über alles wacht, mich umhüllt mit einem Gewand aus scheinendem Glück; Freude, Zufriedenheit schimmern in allen Nähten. Ich habe sie erreicht, ich bin dort, ich bin sie selbst, ich bin in allem, bin überall, erfülle mich selbst, trage in mir das goldene Ziel, den Ursprung und auch noch sehr viel… Ich habe sie erreicht, ich bin dort, ich bin sie selbst, ich bin in allem, bin überall, erfülle mich selbst, trage in mir das goldene Ziel, den Ursprung und – die völlige Glückseligkeit.

***

Anfangs feierlich empfangen
Der Kopf erschafft, O welche Wunder
Um ihr Leben mussten bangen
Ihre Welt doch nicht wurd runder

Ihre Welt zeigt ihre Wangen
Tränen fließen über sie
Vom ersten Tage sie besangen
Wenn Körper ihnen Leid verlieh

Ist der Schmerz geheilt im Schauen
Die Schwäche ihrem Kopf verzieh
Erinnerung an jene rauen
Tage als ihr Kopf gedieh




Veilleville

„Ich habe viele Jahre in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Diese Erfahrungen prägen meine Texte. Ich habe bisher eine Trilogie veröffentlicht: „Das Ende vor dem Beginn“ (2016), „Nach dem Meisterwerk ein Spaßgeschenk“ (2016) und „Kommentar 1“ (2017).“






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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