Das letzte Kapitel

Gerhard Krumschnabel für #kkl8 „Das Wesentliche“



Das letzte Kapitel

Vom letzten gemeinsamen Nachmittag mit seinem Vater bewahrte er zwar noch so mache Erinnerung, er hatte aber nicht mehr die geringste Ahnung, worüber sie beide gesprochen hatten. Nachdem sein Vater sich entschlossen hatte jegliche weitere Behandlung zu verweigern, war entschieden worden ihn vom Krankenhaus ins Altenheim zu bringen, wo er Tag und Nacht versorgt wäre, und Gabriels Aufgabe war es gewesen ihn bei dieser kurzen, und wie sich herausstellte letzten Reise zu begleiten. Er war daher frühzeitig, um nur ja rechtzeitig da zu sein, ins Krankenhaus gekommen und hatte sich auf einen Stuhl an das Bett des Vaters gesetzt. Während der vorangegangenen Besuche, die er mit anderen gemeinsam am Krankenbett verbracht hatte, war sein Vater immer sehr schwach gewesen und hatte sich kaum bewegt und noch weniger gesprochen. Doch dieses Mal schien er aufgeregt und förmlich aufgekratzt, er ließ sich dabei helfen sich aufzusetzen und er verlangte von Gabriel ihm eine Flasche Bier zu öffnen und etwas davon in ein bereit gestelltes Glas zu füllen. Es war nicht das erste Mal, dass er, bereits so krank, nach Bier verlangte, doch diesmal trank er tatsächlich mehr als nur einen kleinen Schluck, und er schien es zu genießen. Und während er trank, begann er mit immer kräftiger klingender Stimme zu reden, verlangte nach einem weiteren Glas Bier, und Gabriel hatte das Gefühl, dass sein Vater tatsächlich langsam betrunken wurde, was ihm angesichts des Fliegengewichts, auf welches die Krankheit seinen Vater reduziert hatte, selbst nach dem wenigen Bier nicht verwunderlich erschien.

In den letzten Monaten vor diesem Nachmittag, noch in der elterlichen Wohnung, hatte Gabriel mit seinem Vater kaum mehr ein Wort gewechselt, nicht aus einem Unwillen heraus, sondern mehr und mehr aus einem Mangel an Gelegenheit, hatte sich sein Vater doch beinahe vollständig auf sein Bett zurückgezogen, das er nur mehr zum Essen (wie klein waren die Portionen geworden im Vergleich zu früher!) und zum Gang auf die Toilette verließ. Die Zeit im Bett verbrachte er tagsüber mit nur selten geschlossenen Augen und auch nicht schlafend, und Gabriel war es zunehmend unerklärlich geworden, wie jemand über Monate solch ein Leben führen konnte, von dem nicht klar war, ob es ein Warten auf den Tod oder ein Warten auf Genesung war. Später, zu spät bereits, ärgerte sich Gabriel darüber seinen Vater in dieser Zeit nie gefragt zu haben, worüber er in den Monaten seiner durchwachten Tage im Bett nachdachte, und er bedauerte es sich nie ans Bett gesetzt und ein Gespräch begonnen zu haben. Dabei war sein Vater nie jemand gewesen, der seine Zeit in Stille verbringen konnte – dies hatte Gabriel geerbt und wiederum seiner Tochter weitergegeben -, stets hatte er zumindest der Stimmen und Bilder aus dem Fernseher bedurft, und noch lieber hatte er selbst geredet, wobei ihm jedermann in seiner Nähe recht war und jedes Thema, das ihm gerade einfiel, Stille schien ihm ein Zustand, den es stets zu vermeiden galt.

Als Jugendlicher hatte Gabriel, wie auch seine Geschwister, es gehasst, wenn er gefangen war in einem dieser Scheindialoge, bei denen der Vater nach einer irgendwie zur Situation passenden Einstiegsfrage und der Duldung bloß eines Halbsatzes einer Antwort den Gefragten unterbrach und in ein Monologisieren überging, das er, wenn sich sein „Gesprächspartner“ in vermeintliche Dringlichkeiten flüchtete und den Raum verließ, ohne Stocken von einer Person auf die beliebig nächste übertrug, die unvorsichtig genug gewesen war seinen Blick zu kreuzen. „Entschuldige, ich muss aufs Klo…; Oje, ich muss gehen, ich bin verabredet…“, anders war der Situation nicht zu entkommen, und auch das gelang nur, wenn noch weitere Personen im Raum waren, den Vater ganz alleine zurückzulassen war nicht möglich, diese Schwelle der Respektlosigkeit vermochte niemand ohne echte Not zu überschreiten.

An diesem letzten Nachmittag im Krankenhaus hingegen war Gabriel froh, dass sein beschwipster Vater monologisierte, denn er selbst hätte kaum etwas zu sagen gewusst. Dieses eine Mal empfand er Freude daran seinen Vater schwatzen zu hören, und es erfasste ihn tatsächlich ein Aufkeimen von Optimismus, wenn er daran dachte, dass sein Vater noch einmal aufleben könnte im Altenheim, umgeben von vielen willigen Zuhörern, die froh sein würden egal was von egal wem erzählt zu bekommen, oder wenn schon nicht froh so zumindest gleichgültig genug es widerstandslos hinzunehmen.

Mitten ins bierbeschwingte Fabulieren hinein ertönte ein kurzes Klopfen und nach nur kurzer Pause öffnete sich die Tür des Krankenzimmers und zwei Sanitäter betraten den Raum, einen Rollstuhl vor sich herschiebend. „So, mein lieber Herr, das Taxi ins Altersheim ist da. Bitte alles zusammenzupacken, dann geht´s auf!“ Gabriel sprang auf, raffte die bereits gepackten Taschen zusammen sowie einen Plastiksack mit der gebrauchten Wäsche und griff sich rasch seine eigene Jacke, während sein Vater, unterstützt von einem Sanitäter, mühevoll vom Bett in den Rollstuhl wechselte, ein wenig irritiert ob des plötzlichen Wechsels der Situation. Kaum eine Minute später war das Zimmer bereits verlassen und zurück blieb eine beinahe leere Flasche Bier und ein halbvolles Glas, sowie ein leeres Krankenbett, in dessen Matratze der geschrumpfte Körper des Vaters kaum eine Delle zurückgelassen hatte.

Im Krankenwagen wurde der Vater, der sich nicht wieder hinlegen wollte, mit dem Rollstuhl im hinteren Teil des Wagens fixiert, während Gabriel vorne zwischen den Sanitätern Platz nehmen musste, und so kam der Redeschwall des Vaters endgültig zum Erliegen. Im Altenheim angekommen schob ein Sanitäter den Vater Richtung Fahrstuhl, während sein Kollege die Anmeldeformulare abgab. Der Vater wurde in einen anderen Rollstuhl umgesetzt, die Sanitäter entlassen, und Gabriel fuhr schließlich mit seinem Vater und einer Pflegerin des Altenheims in dem 2. Stock, wo sich unweit des Fahrstuhls sein Zimmer befand. Dort half die Pflegerin dem Neuankömmling in sein nunmehr neues Bett, denn der Vater war erschöpft, seine Stimme verstummt und die kurz aufgekeimte Euphorie, sowohl die des Vaters als euch jene des Sohns, endgültig verflogen. Während all des Hin und Her zwischen Bett und Rollstuhl und Rollstuhl und Bett hatte Gabriel versucht möglichst wenig im Weg und zugleich immer nahe beim Vater zu sein, und nun, nach einer kurzen Belehrung zur Benutzung des Klingelknopfs für den Alarm, der Toilette und der Zeit des anstehenden Abendmahls, waren sie alleine, Gabriel und sein Vater, und es schien, als wären sie nicht nur an einem letzten Ort angekommen, sondern auch in einer letzten Zeit, deren genaue Dauer zwar unbestimmt, aber nicht mehr lang sein würde.

Schon wenige Minuten später trafen die während des Transports im Krankenwagen informierten Geschwister und Verwandten ein und die letzten gemeinsamen Momente von Gabriel und seinem Vater hatten ein Ende gefunden. An das wirklich allerletzte Mal, an dem er seinen Vater zusammen mit anderen Besuchern gesehen hat, konnte Gabriel sich später gar nicht mehr erinnern, aber da war der Vater schon längst wieder in sein Schweigen versunken, und als ihn seine Schwester kaum zwei Wochen nach dieser letzten Reise am Telefon über den Tod des Vaters informierte, war Gabriel traurig aber irgendwie zugleich erleichtert.




Gerhard Krumschnabel ist hauptberuflich als (natur-wissenschaftlicher) Science Writer tätig, lebt seit über 30 Jahren in Innsbruck und hat vor Kurzem seinen zweiten Roman beendet, für beide Romane sucht er noch nach dem geeigneten Verlag.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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