Aron und Nora

Simon Krappmann für #kkl „Dazwischen“




Aron und Nora

Nora liebt Aron. Aron liebt Nora. Das ist das ganze Geheimnis.
Seit Nora von Aron erfahren hat, weiß sie, dass sie zusammengehören.
Doch es gibt ein Problem: Aron besteht aus Antimaterie.
Kommt Nora Aron zu nahe, vernichten sie sich gegenseitig.
Eine ironische Sache.

Nora hat schon überlegt: Wenn sie eine Membran findet,
die durch hochenergetische Abschirmung ihre Annihilation verhindert
und sich angenehm unscheinbar an ihre Körper schmiegt,
könnten sie einander nahe sein. Ein Traum wäre diese Membran.
Eine Art Behüterli.

Aron hat auch schon überlegt: Wenn er es schafft,
seine Positronen aus beta-plus-aktiven Radionukliden zu extrahieren,
könnte er einen Impfstoff für Noras Elektronen herstellen,
um sie an seine Antinatur zu gewöhnen.
Könnte funktionieren.

Allerdings hat sich bisher keiner von beiden getraut,
seine Idee in die Tat umzusetzen, nicht einmal, es zu probieren.
Ein einziger Fehler, eine nicht zu Ende gedachte Berechnung,
und sie zerstrahlen in einem elektromagnetischen Liebestodeslicht.
Könnte passieren.

Stattdessen begnügen sie sich in leiser Sehnsucht damit,
voneinander zu träumen und weiter ihre Biologien zu studieren,
um sich vielleicht doch irgendwann in die Arme zu fallen.
Denn eines ist klar: Sie gehören zusammen wie Tag und Nacht, Yin und Yang,
Minus und Plus.

Nora kann sich noch gut an das erste Mal erinnern,
als sie Aron für eine Nanosekunde an der Einstein-Rosen-Brücke sah.
Er schwirrte aus dem Nichts in Kreisen und trug blauen Schimmer.
Nora war wie gelähmt, aber eigentlich auch ganz schnell unterwegs.
Ihr Herz raste.

Was sie alles Irrwitziges über Aron gelesen hatte:
Angeblich kann man ihn und seine Artgenossen einfangen,
wenn man eine supraleitende Multipolfalle baut,
oder mit den Positronen einen Raumschiffantrieb befeuern.
Warp-Antrieb, cool!

„Lass dich bloß nicht mit einem Antimaterie-Typen ein!“,
hört Nora ihre Eltern sagen, als wäre es gestern gewesen.
Sie waren von ihrer Schwärmerei überrascht und sorgten sich.
„Die anderen finde ich aber abstoßend!“, widersprach Nora.
Nora wollte Aron.

Am Anfang war im Kosmos sowieso fast alles eins zu eins.
Materie und Antimaterie im Gleichgewicht, wie Nora gelernt hat.
Genauso fühlt es sich an: das Band zu Aron, ihrem Urknallschatz.
Warum kam nur dieses winzige Ungleichgewicht auf, das sie trennt?
Weiß keiner.

Nora ist wieder auf dem Weg zur Einstein-Rosen-Brücke.
Sie kann mit der Sehnsucht leben, will aber etwas ausprobieren.
Sie sieht Arons blauen Schimmer und spürt die Wärme seiner Bewegung.
Aron huscht vorbei, während Nora noch eine Planck-Zeit wartet.
Dann huscht sie hinterher.

Die Brücke hat den Vorteil, dass sie über die Zeit führt.
Nora saust an der Flusspromenade entlang und weiß, dass Aron neben ihr fliegt.
Hier sind sie beisammen, nur zeitlich ein bisschen versetzt.
Gerade so viel, dass Nora wieder Arons Wärme spürt.
Fast eins zu eins.

Auf die Idee hatte sie Werner Heisenberg gebracht:
Wenn sich Energie und Zeit nicht exakt zusammen messen lassen,
können sich Aron und Nora dazwischen endlich nahe sein. Genial!
Und wer weiß: Vielleicht verlieren sich am Ende ja alle Gegensätze
in der Unschärferelation der Liebe.




Simon Krappmann arbeitet als Redakteur in Frankfurt am Main und als freiberuflicher Autor.

www.simonkrappmann.de


Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

6 Kommentare zu „Aron und Nora

  1. Aron und Nora, eine wundervolle Beziehung. Mich hat dieser Beitrag zutiefst berührt. Wissenschaft in der Literatur, das ist Kunst. Eine sich befruchtende Symbiose vom Künstler Liebe gegeben, in Liebe empfangen und liebevoll veröffentlicht.
    Die wohl überlegten Worte mit einer Portion Humor gewürzt, ergeben ein Kunstwerk, das nun von interessierten Lesern erlebt werden kann. Wie gesagt, mich bewegt es tief im Inneren und mit diesen Worten hier möchte ich danken, für die Möglichkeit, es zu lesen.
    Danke an den Autor, danke an kkl und natürlich dank an die Liebe.
    Ian M.

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank zurück, über die Resonanz freue ich mich sehr. Ganz im Sinne dieses Magazins ist es auch für mich erfüllend, wenn Worte „spiegeln, bewegen und Ursachen setzen“. Simon

      Gefällt 1 Person

  2. Der Beitrag ist ganz wundervoll.
    Ich bin sehr interessiert in Raum und Zeit und die Kombination von Literatur und Physik in dieser Art und Weise hat mich noch einmal ganz anders zum Nachdenken gebracht.
    Dankeschön!
    Danke dafür!

    Gefällt 1 Person

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