Die Bank in der Sonne

Dorothea Lesche für #kkl12 „Dazwischen“




Die Bank in der Sonne

Dieser Schmerz in der Brust. Wie Krämpfe. Wie Schluchzen. Die Einsamkeit wie ein Schmerz in der Brust. Und um die Einsamkeit herum all die Menschen. Warum merkten sie nichts, all die Menschen.

Von hier und von dort kamen die Menschen auf den Platz, aus der Septembersonne, aus der U-Bahn, von zu Hause, aus dem Büro. Gingen geradewegs auf einen Stand zu oder schlenderten von diesem zu jenem. Fingerten in Äpfeln herum, pieksten Käsewürfel auf Holzstäbchen. Reichten Scheine über den Verkaufstisch, kramten in der Geldbörse nach Münzen. Arme schwangen hin und her, schwangen vor und zurück. Hände, beringt, und Hände, behandschuht, reichten hinüber und reichten herüber. Münder, rotlippig, und Münder, stumm, riefen dies und murmelten das. Und aus jedem Mund grinsten die Worte des Arztes. Sie werden sehen, alles wird gut … gut … gut …

Was tat sie hier. Sie hatte sich treiben lassen wollen in dem Gewühl aus Farben, Formen, Gerüchen wie eine Touristin in der südlichen Fremde. Hatte vergessen wollen, bewundern, genießen. Hatte hier und dort etwas für sich entdecken wollen, sich etwas gönnen wollen. Hatte ihren Körper vollsaugen wollen, bis er prall und bunt und duftend auf den Worten des Arztes schwamm. … alles wird gut … gut … gut … Aber ihr Körper, er konnte nichts mehr aufnehmen; die Einsamkeit füllte jede seiner Zellen aus. Kein Platz für etwas, was sie sich gönnen wollte. Was tat sie hier.

Eine Einkaufstasche stieß sie an. Ihre Hände fuhren an ihren Bauch, als ob sie etwas halten wollten in ihm. Mit dem Stoß war die Einsamkeit in die Leibesmitte zurückgeschnellt. Schlug dort Wurzeln. Machte Platz in ihrem Körper. Platz für etwas, das sie sich gönnen wollte. Was. Ihre Arme streckten sich aus, ihre Hände wollten etwas ergreifen, irgendetwas. Es musste doch etwas geben, womit sie ihren Körper vollsaugen konnte. Aber die Hände griffen in den eisigen Atem all der Menschen. Eingefroren die Farben, Formen, Gerüche.

Aus Kisten, aus Kartons, aus Tüten rollten Früchte wie bunte Schneebälle. Rollten näher und näher. Wurden zu Lawinen. Wollten sie zerquetschen. Aus Erde, aus Himmel, aus Hölle schlängelten sich Düfte wie giftige Reptilien. Schlängelten sich näher und näher. Wurden zu Stricken. Wollten sie fesseln. Aus Ecken, aus Kanten, aus Rundungen zischten Grün, Rot, Gelb, Grün auf wie Feuerwerksraketen. Zischten höher und höher. Wurden zu Blitzen. Wollten sie verbrennen. Sie musste sofort hier weg. Wohin.

Aber die Einsamkeit wehrte sich. Fuhr aus der Leibesmitte heraus, bis sie wieder jede Zelle ihres Körpers ausfüllte. Bis der Körper erstarrt war wie in einem Eisblock. In der Brust die Einsamkeit wie ein Schmerz. Und um die Einsamkeit herum all die Menschen. Warum merkten sie nichts, all die Menschen.

Ein Ellenbogen stieß sie an. Ihre Hände fuhren an ihren Bauch, als ob sie etwas schützen wollten in ihm. Warum mussten die beiden Frauen ihre Kinderwagen hier nebeneinander schieben. Sie strahlten über Gewühl und Menschen hinweg, die beiden Frauen. Strahlten jung und bunt und duftend. Jünger und bunter und duftender als all die Farben, Formen, Gerüche um sie herum. So jung, dass es wohl auch ihr erstes Kind war. … alles wird gut … gut … gut … Hier war nichts, das sie sich gönnen konnte. Und es war sowieso kein Platz in ihrem Körper. Sie brach den Körper heraus aus aus dem Eis und schleppte ihn auf den Gehsteig. Dort stand er eiligen Menschen im Weg, Kaffeebechern und Laptoptaschen. Stirnrunzeln bestrafte sie dafür. Auch Kopfschütteln und Schimpfworte. Sie musste sofort hier weg. Wohin.

Die Einsamkeit strebte zurück. Dorthin zurück, wo die Worte des Arztes sie gewärmt hatten. Nächste Woche der Organultraschall. Sie werden sehen, alles wird gut. Dorthin zurück, wo weite Räume, weiß und zartgelb, sie umhüllt hatten, als wären sie die Hoffnung. Wo eine lächelnde Hand auf ihrer Schulter sie verabschiedet hatte, als würde sie sie segnen. … alles wird gut … gut … gut …

Und wenn nicht. Man würde ihre Entzündungswerte testen und entscheiden, ob sie sofort in die Klinik müsse. Auf alle Fälle sei der jetzige Befund für sie völlig ungefährlich. Und auch für ihr Kind. Er hatte sich Notizen gemacht während seines Monologs. Nicht etwa unaufmerksam, sondern als wäre sie für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt und er müsse sie für alle Ewigkeiten auf das Papier bannen. Von Zeit zu Zeit hatte er ihr in die Augen gesehen. Den Kopf geneigt, eine Hand an die Wange gelegt, hatte er in ihr Leben gelauscht wie in eine Muschel. Sie hatte gesucht in seinem Blick, gesucht und gesucht. …alles wird gut … Und wenn nicht.

Sie stand immer noch auf dem Gehsteig. Sie musste sofort hier weg. Wohin.

Das Cafe´ am Rande des Platzes. Weit genug entfernt von dem Gewühl aus Farben, Formen, Gerüchen und doch nah genug. In der Sonne saß sie bei einem Espresso wie eine Touristin in der südlichen Fremde. Fast. An einem Tisch drei betagte Herren bei ihrem Weißbier, an einem anderen zwei silbergraue Damen bei Kaffee und Kuchen. Am Tisch neben ihr ein Mann und eine Frau, nicht mehr sehr jung, wohl so alt wie sie selbst. Sie strahlten sich an, der Mann und die Frau, und ein Glanz, weiß und zartgelb, wölbte sich über sie wie ein Heiligenschein. … alles wird gut … Der Mann kramte in einer Tüte, holte eine Schachtel heraus, öffnete sie. Er zog die Spieluhr auf und legte sie auf den Bauch der Frau. Hockte sich nieder und lauschte. Weißt du, wieviel Sternlein stehen …

Sternlein. Sterne. Sternenkinder. Ihre Hand glitt in die Jackentasche und die Finger streichelten das Papier, drückten es, knüllten es. Sie zog die Hand wieder heraus, wischte sich übers Haar. Das Papier mit dem Wikipedia-Artikel blieb in der Tasche. Jetzt steckten sie in ihrem Kopf fest. Sternenkinder.

In einer Stunde ging der nächste Zug zurück nach Hause. Sie schlenderte an ein paar Läden vorüber, an einer Schule, an einem schattigen Hof voller Kinderlärm. Weiter bis zur Kreuzung. Stadtauswärts auf der rechten Seite zeigten Büsche und Bäume einen Park an. Die Ampel stand auf Rot. Daneben der Wegweiser, hölzern, abgeblättertes Dunkelgrün, wie aus der Zeit gefallen. Seine Buchstaben ins Vergessen geraten. Waldfriedhof. Die Ampel rückte auf Grün und wieder auf Rot. Ein Friedhof.

Was tat sie hier. Früher hatte sie sich vorgenommen, diesen Friedhof zu besuchen, früher. Den berühmten Waldfriedhof, landesweit erstmalig angelegt in schattigen Hainen anstatt wie üblich in strikten Gräberfeldern. Was tat sie hier.

Nur eine kleine Runde. Stämme und Äste, Namen und Jahreszahlen, bemoost, uralt. Und sie schritt zwischen ihnen mit ihrem jungen Leben im Leib. Büsche und Bäume machten einer sonnigen Weite Platz, einer reif blühenden Wildblumenwiese, einem schilfumrandeten See. Enten ruhten im Kies. Früher hätte sie die Kamera dabei gehabt, früher.

Schmale Wege kreuzten breitere; jede Kreuzung forderte eine Entscheidung. Die kleine Runde wurde größer und größer, wurde eine Wanderung; die Entscheidungen überließ sie ihrem Leib. Als vor ihr in der Ferne weiße Holzkreuze, unzählige, leuchteten, kehrte sich ihr Leib ab von dem Anblick des Todes, des unzähligen. Zu Hause würde sie sich ein Bad einlassen, einen heißen Tee trinken, einen spannenden Film schauen. Und jetzt auf einer Bank in der Sonne ausruhen. Sie würde sowieso einen anderen Zug nehmen müssen.

Weit und breit keine Bank in der Sonne. Vor ihr in der Ferne schimmerten durch die Büsche bonbonfarbene Tupfer wie Luftballons auf einem Kindergeburtstag. Ihr Leib strebte darauf zu. Strebte an einem Rasenstück vorbei und an den Gänsen, die mit hastigen Schnäbeln im Gras stocherten. Strebte auf eine Hecke zu, die etwas verbarg. Überall Gänsekot auf dem Weg; sie musste auf ihre hellen Schuhe achten. Und plötzlich stand sie in dem von der Hecke Verborgenen. Sie stand vor einer Spirale aus Gräbern, jedes so groß wie ein Kinderbettchen. Still reihten sie sich aneinander, als würde eines dem anderen Halt geben. Eines wie das andere trug seine bunte Last. Englein und Teddybären, Püppchen und Spielzeugautos, Kerzen und Blumen, Steine mit Worten aus Liebe und Worten aus Leid. Windräder surrten darüber hinweg, als würden sie alle Last und alles Leid davonwehen können. Weißt du, wieviel Sternlein stehen …

Am Ende der Spirale lag ein Grabfeld noch erdig rein. Es trug nur ein Blatt Papier, das an einem Stab steckte wie ein Segel auf einem leeren Boot. Das Boot schien im Hafen zu warten. Schon nannten dünne Zahlen auf dem Papier den Tag, von dem an auch dieses Grab seine bunte Last tragen würde. Ihre Hand glitt in die Jackentasche und die Finger streichelten das Papier. Sternenkinder.

Dort die Worte des Arztes: Alles wird gut. Hier die Sternenkinder: Und wenn nicht. Zwischen hier und dort stand die Bank in der Sonne.







Dorothea Lesche, Jahrgang 1955, pädagogische Fachkraft, lebt in Kaufbeuren.

Sie schreibt vor allem kurze Prosastücke, von denen einige veröffentlicht wurden. Ihr erster Roman wartet noch darauf.


Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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