Betrachtungen über einen Tellerrand

Friederike Stein für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Betrachtungen über einen Tellerrand

So ein Tellerrand ist heute selten spektakulär. Das war einmal anders! Reliefiert konnte er sein, durchbrochen gar, zu feinster Spitze geklöppeltes Porzellan, das ein Windhauch, meint man, sachte wehen ließ. Ergab sich so der Begriff “Tellerfahne³? Der Teller vor mir hat eine Fahne, doch die ist schnörkellos und weiß. Recht langweilig eigentlich. Meint deshalb jeder Koch, der sehnsüchtig nach Sternen schaut, sie mit Soße bespritzen oder mit Schokostaub bepudern zu müssen? Dabei, so heißt es in der hohen Kunst der Gastronomie, gehört der Tellerrand dem Gast! Der Koch darf sich verkünsteln, wie er will, er muss nur auf dem Boden bleiben, pardon, dem Tellerspiegel. Den Rand darf nur der Gast beflecken, mit Gräten, Wursthaut, Knöchelchen … Wie wäre es, wenn jeder Gast zwei, drei, vier Tuben oder Tiegelchen mit bunten Soßen oder Pulvern mitserviert bekäme, auf dass er den Rand seiner Tellerwelt nach eigenem Gusto verzieren könnte? Senftupfen wären hübsch, stelle ich mir vor, zumindest heiter, ein passender Rahmen für Bratwursthügelzug mit Frittenberg, von dem ein Ketchupfluß herab mäandert. Welche andere Fahne trägt schon gelbe Punkte auf Weiß? Oh, meine gelb getupfte Fahne, die du meiner Speisen Grenze bist! Wie weiland bei den Kapuzinern, denen der Tellerrand Sättigungsgrenze war, besonders in der Fastenzeit: wehe dem Mönch, bei dem nur der Fischschwanz über den Tellerrand ragte! Doch so ein kurzes Fischchen macht kaum satt. Es sei denn … Es sei denn, es ist ein runder Spiegelkarpfen, der brav den Tellerspiegel bedeckt und nicht wagt, übern Tellerrand zu spinxen. Die Gräten, nehme ich an, die durften sich dann auf der Tellergrenze häufen, auch wohl darüber hinaus, der Essende sah sie ja nicht mehr, hatten sie erst den Tellerrandrand passiert. Nur manchmal, stelle ich mir vor, manchmal ließ so ein Mönch ­ oder einer der Novizen? ­ seinen Blick zu anderen Tellerrändern schweifen, ergatterte auf diese Weise hier ein noch nicht ganz abgenagtes Stück, dort in fetterer Zeit ein Knöchelchen mit Fleisch daran oder zog sich gar vom Nachbarn eine noch halb gefüllte Wursthaut übern Tellerrand.

Schlupp! Wer sollte ihn auch schelten? Sonst sah ja keiner, was jenseits des eigenen Tellerrands geschah.




Friederike Stein, geboren 1965, schaute auch während des Biologiestudiums gerne über den Tellerrand hinaus. So kam sie unter anderem zum Schreiben. Am liebsten tummelt sie sich erzählend in anderen Welten oder Zeiten. Manchmal nimmt sie aber auch unter die Lupe, was vor ihrer Nase steht.





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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