Siegfrieds Erwachen

Monika Schlößer für #kkl13 „Über den Tellerrand“




Siegfrieds Erwachen                   – ein modernes Märchen

Es begab sich bereits zu jener Zeit, da die Hauptstadt der bundesdeutschen Republik vorübergehend Bonn hieß und auf der linken Seite des Rheins angesiedelt war. Zu eben jener Zeit gefiel es dem allmächtigen Scheich Ali-ed-Ablass, den Ölhahn aus pädagogischen Gründen ein wenig höher zu schrauben. Benzin wurde knapp und kostbar, die öffentlichen Nahverkehrsmittel selbstbewusst und teuer.

Doch in jenen Tagen fiel nicht nur dem klugen Scheich und seinen Handlangern etwas Gewichtiges ein, auch einige der ansonsten stets ergebenen Untertanen wagten komplizierte Denkvorgänge und nahmen Veränderungen ihrer bisherigen Lebensgewohnheiten in Kauf.

So erfand beispielsweise ein junger Mann aus der Eifel, Meister Siegfried wurde er genannt, eine durchaus rühmliche Laufmaschine. Die Grundausstattung dieser Laufmaschine bestand aus einem Paar Rollschuhen, welches der Meister später jedoch durch aerodynamische Inlineskates ersetzte. Der junge Bastler schenkte seiner Erfindung jede Minute der damals noch knapp bemessenen Freizeit. Er probierte verschiedene Startpositionen aus, laborierte an der Bodenhaftung der kleinen Rädchen herum und entwickelte schließlich vortreffliche, mit Silicon verwobene Hartgummi-Reifen, die sowohl auf trockener Grauwracke als auch auf nassem Lehmboden hervorragende Fahreigenschaften aufwiesen. Zudem verbesserte Siegfried mehrmals die Stromlinienform seines fahrbaren Untersatzes und tüftelte in unermüdlichen Selbstversuchen deren Optimum aus.

Seinen stattlichen Körper indes zwängte er in einen extrem windschlüpfigen Ultraleicht-Overall. Zur Fertigung dieses unverwüstlichen Spezialanzuges hatte der Meister ein Verbundmaterial entworfen, bei dessen Herstellung Dutzende hauchdünner Grafit- und Plastikstreifen aufeinandergepresst wurden. Überdies begab Siegfried sich gar zu einem auswärtigen Fitness-Studio. Dort arbeitete er intensiv am Aufbau seiner Beinmuskulatur, um die Bestzeit der eigenen Geschwindigkeitsrekorde zu stabilisieren. Doch selbst dieser Preis erschien ihm nicht zu hoch für die Unabhängigkeit von den ständigen Sinneswandlungen der großen Halbgötter.

Und da der junge Mann das Glück hatte, ausgiebig die großen Rotationsflügel jener Windkraftanlagen beobachten zu dürfen, die neuerdings sein Heimatdorf überschatteten, bastelte er zwecks optimaler Ausnutzung der Windenergie zwei bewegliche Leichtmetall-Flügel, die er mittels Nylon-Schlaufen an seinen Armen und Schultern befestigte. Diese jeden Windhauch aufnehmenden Flügel sorgten bei „Meisters Laufmaschine”, wie sie in Fachkreisen schon bald genannt wurde, für die nötige Schubkraft. Denn noch blies der Wind kostenlos und brachte niemanden in die Verlegenheit, um seine Gunst buhlen zu müssen.

Stolz balancierte Jung-Siegfried alsbald auf seiner genialen Erfindung über die neugierigen Straßen der holprigen Kleinstadt. Dass mancher Zeitgenosse erschrocken davonlief, weil er den cleveren Bastler zunächst mit einer fetten Fledermaus oder gar mit dem Leibhaftigen persönlich verwechselte, störte ihn nicht im Geringsten.

„Bravo!”, riefen die einfältigen Zungen, und aus zahlreichen Fensterhöhlen glotzten ihm neidische Augenpaare hinterher. „Rollschuhlaufen können wir auch!”, schrie ihm die Dummheit nach und erkannte nicht den klugen Weitblick des Meisters.

In der Tat, die Bezeichnung „Rollschuh” war gar nicht so falsch – nur, Meister Siegfried trüge seinen Namen zu Unrecht, würde er in Zeiten allgemeiner Energieknappheit wertvolle Muskelkräfte vergeuden. Nein, er lief nicht – er glitt, er segelte auf seinen Inlineskates dahin. Dank ihrer Hilfe sauste der Meister unermüdlich durch die Stadt, fegte über Feld- und Waldwege und tobte sich auf Asphaltpisten aus. Kurzum, man begegnete ihm überall dort, wo er mangels einschlägiger Gesetzestexte nicht daran gehindert werden konnte. Angeblich soll er sogar am helllichten Tag auf dem Nürburgring gesichtet worden sein. Nach einigen Monaten intensiven Trainings erzielte er eine Fahrgeschwindigkeit, die wahrlich jeden Manta-Fahrer vor Neid erblassen ließ.

Als Siegfried endlich wieder aus dem Koma erwachte, in das ihn seine Raserei katapultiert hatte, hieß die Hauptstadt der Deutschen wieder Berlin und lag rechts des Rheins. Die öffentlichen Nahverkehrsmittel emanzipierten sich. Sie wurden noch selbstbewusster und rangen sich zu einer drastischen Tariferhöhung durch. Die Benzinpreise passten sich diesem Trend an, und die im Westen vormals recht passablen Straßenbeläge wurden mangels finanzieller Mittel derart vernachlässigt, dass ein Großteil der Bevölkerung freiwillig Schusters Rappen aus dem Stall holte, um diese zu satteln.

Durch jenen von der Regierung unbeabsichtigten Nebeneffekt gesundete Deutschlands Bevölkerung in rasanter Weise; die Vorstandsvorsitzenden der Krankenkassen strahlten wonniglich, und auch die Gesundheitsreform-Apostel im wiedervereinten Lande bekamen rote Bäckchen vor lauter Freude. Aus dem allerorts aufbrechenden Asphalt platzte kräftiges Grün hervor und strebte dem Licht entgegen. Und dort, wo das Waldsterben bereits hässliche Wunden in uralte Kulturlandschaften gerissen hatte, entstanden in allerkürzester Zeit blühende Handelsmärkte – galt es doch nun, schmerzhafte Blasen zu vermeiden, die Schusters Rappen durch das ständige Galoppieren zu weit entfernt liegenden Einkaufs-Zentren an so manchem Fuß erzeugt hatten.

Die ramponierten Füße wiederum lockten auswärtige Orthopäden und findige Salbenproduzenten ins Land. Zwar belasteten deren Produkte andererseits den Gesundheits-Etat, aber irgendjemand musste ja schließlich die Einkommenssteuer erwirtschaften und das Brutto-Sozial-Produkt steigern – wenn schon die Automobilindustrie an Schwindsucht litt und ihre Marktanteile mit Herstellern aus den Ländern der aufgehenden Sonne teilen musste.

Zu jener Zeit saß Meister Siegfried oft am Fenster seiner behindertengerechten Wohnung, beobachtete das bunte Treiben ringsumher und wunderte sich über so manches. Ansonsten aber lebten alle Beteiligten froh und zufrieden weiter und warteten das Ende der Legislaturperiode ab.




Monika Schlößer

Geboren 1949, lebt in Bad Münstereifel, verheiratet, 2 Töchter. knapp 80 Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis und Kurzprosa in zahlreichen Anthologien, Kalendern, Jahrbüchern, Zeitschriften, Schaufenstern, einem Podcast und auf einer Lyriksäule.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: