Kategorischer Optativ

Raven E. Dietzel für #kkl16 „Der freie Wille“




Kategorischer Optativ

„Majestät, was soll ich schon
entbitten deinem Götterthron?
Mit deinem Füllhorn in der Hand
regierst du ein schönes Land,
in dem du, weil du jeden liebst,
dir selbst zu Ehren Feste gibst.

Bei dir sind alle Bürger gleich:
Die Länder satt, die Häuser reich,
die Zukunft grast auf grünen Weiden.
Was sollte einer einem neiden?
Jeden Wunsch kannst du gewähren.
Es ist nichts übrig, zu begehren.

Und doch, oh Glück, vor deinem Thron
steh ich, ein ungelung´ner Sohn,
der Gleicher ist unter den Ersten,
reich und erfüllt – erfüllt zum Bersten –
um etwas weiter zu verlangen:
Hoheit, mach mich… Mach mich bangen!“

Es liegt die helle Stirn in Falten:
„Du verlangst von meinem Walten
anstatt von allem Guten, Hohen,
dir ein Unheil aufzudrohen?
Gar, dir eines zu bescheiden?
Kurz: Du bittest mich um Leiden?“

Ich, bereits die Angst im Herzen,
neine ewiglichen Schmerzen.
Niemand könnte sie erfahren,
und sein Menschliches bewahren.
„Leiden schafft Verbitterung!
Aber Glück macht Menschen dumm.

Deshalb bitt ich, Höchste, Hehre,
gib von deiner Götterehre
mir von beidem: Pein und Lust.
Traue meiner Menschenbrust
zu, mit beidem zu gedeihen.
Das allein kann mich befreien.“

Sie, in deren Hand ich wohne,
spricht unter der Himmelskrone:
„Ewig könntest du dich laben.
Freiheit und Vernunft zu haben,
ist dagegen große Bürde.“
Und sie verleiht mir Menschenwürde.

Ob sie mich aus ihrem Lenken
ausschloss, oder nur mein Denken,
unerforschlich ist die Frage.
Doch was die Majestät versage,
wie auch das, was sie mir gebe,
bewundre ich, so lang ich lebe.

Vielleicht gab ich den Himmel hin,
vielleicht die Unschuld meinem Sinn.
Doch leitet guter Wille mich
dem Glück nicht nach, dem Zweck an sich.
So sei das höchste aller Ziele

verkantet der großen Mühle.




Raven E. Dietzel (*1995 in Lippe, wohnhaft in Erfurt) schreibt Lyrik und Prosa diverser Gattungen und Genres. Studium der Philosophie, Germanistik und Linguistik, erst in Bielefeld, gegenwärtig in Erfurt. Seit 2013 rund dreißig literarische Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, aber auch im Lippischen Wald und auf Dortmunder Fensterscheiben. RED schreibt aus der Lebensrealität einer jungen Frau heraus und mit dem fachlichen Hintergrund einer Geisteswissenschaftlerin – politisch, emotional, philosophisch. Weil sie davon allein nicht leben kann, zeigt sie Touristen die Altstadt oder trägt dazu bei, dass die Post in der Region Erfurt in den Richtigen Händen landet. Mehr auf redietzel.de

Interview mit Raven E. Dietzel und Jens Faber-Neuling von #kkl hier.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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